Rußland und die Ukraine sind mit den gleichen Problemen konfrontiert

Ein Interview mit Roman Lunkin

S m o l e n s k – Nach dem Moskauer Roman Lunkin, Forschungsreferenten des britischen “Keston College”, wurde im Sommer 2015 die die religiösen Gemeinschaften betreffende Gesetzgebung bedeutend verschärft. Dies bezieht sich vor allem auf das Gesetz gegen „unerwünschte Organisationen“ vom 23. Mai 2015. In einem Interview mit dem Verfasser am 18. Mai meinte Lunkin, diese Gesetzgebung sei vage und lasse eine Vielfalt an Auslegungen zu. Nach ihm „wecken bereits ausländische Missionare, die sich um Gemeindegründungen bemühen, schnell den Argwohn der Staatsvertreter“. Ausländische Gelder, die protestantische Denominationen erhalten, werden genauestens unter die Lupe genommen. Russische Pastoren, die weiterhin Gelder erhalten, sind bemüht, die Mittel über soziale Einrichtungen und Stiftungen umzuleiten. „Nur eine Kirche, die unbedingt leiden will, ist weiterhin offen für eine substantielle Unterstützung durch den Westen.“ Lunkin berichtete, daß führende Kirchen wie die „Vereinigte Russische Union der Christen Evangelisch-Pfingstlerischen Glaubens“ (ROSChWE) in den letzten Jahrzehnten bestrebt waren, säkulare und diakonische Ableger für Waisen, Jugendarbeit, Drogenrehabilitation und Sport ins Leben zu rufen. „Alle dieser Vereine befinden sich heute unter genauer staatlicher Beobachtung.“ Nach ihm ist nur das Moskauer Patriarchat von Inspektionen ausgenommen; es ist nicht gehalten, seine Finanzen offenzulegen.

Anfang Juni 2016 unterzeichnete Wladimir Putin ein Gesetzeswerk, das die Definition einer NGO präzisierte. Es bezieht sich nicht direkt auf die Kirchen und gibt nur an, daß humanitäre, kulturelle, sportliche und Gesundheitseinrichtungen nicht als politisch zu gelten haben. Organisationen wie kirchlich verbundene NGOs würden nur als „ausländische Agenten“ in Frage kommen, wenn sie sich wiederholt politisch äußern. Fazit des Verfassers: Die Auslegung der jüngsten Gesetzgebung wird nicht zuletzt von der politischen Großwetterlage zwischen Ost und West abhängen.

Roman Lunkin bleibt dennoch optimistisch: Nationalistische Denker wie Alexander Dugin und Alexander Prochanow bezeichnete er als „Freaks“ und bestand darauf, daß sich das russische Volk „weiterhin in Richtung Demokratie entwickelt. Mir ist niemand bekannt, der wie in China oder in einer Theokratie wie Iran leben möchte. Die Demokratie bleibt unser Ziel. Keiner wünscht sich einen autoritären Despoten.“ Nachdem Patriarch Kirill in einer Predigt am 20. März die die Bibel widersprechenden „Menschenrechte“ als Ketzerei gegeißelt hatte, beeilte sich das Patriarchat zu versichern, die Kirche sei gegen humanistische Philosophien, nicht gegen die Menschenrechte an sich. „Vor 10 oder 20 Jahren war das Patriarchat noch gegen die Demokratie“, versicherte Lunkin. „Doch heute gibt es darüber eine ausführliche Diskussion.“

Im Falle Ukraine meint dieser orthodoxe Gläubige, Rußland und die Ukraine seien „mit dem gleichen Bündel an Problemen konfrontiert“. Demokratiedefizite, eine schwache Zivilgesellschaft, Korruption und ein soziales Gefälle seien in beiden Staaten gleichermaßen vorhanden.

Lunkin stuft die meisten Leiter der protestantischen Kirchen Rußlands als Opportunisten ein, die sich der Aufrechterhaltung des Status quo verpflichtet fühlen. Diesbezüglich zeigt er auf den bekanntesten Protestanten Rußlands: Sergei Rjachowski, leitenden Bischof der ROSChWE. Obwohl Rjachowski mit dem adventistischen Leiter Oleg Gontscharow eng durch die gemeinsame Arbeit im „Beratungsrat für die Leiter der protestantischen Kirchen Rußlands” verbunden ist, hält Lunkin Gontscharow nicht für einen Opportunisten. „Gontscharow macht deutlich, wenn er mit staatlichen Maßnahmen nicht einverstanden ist. Rjachowski spricht ebenfalls die Probleme an, doch zum Schluß knickt er immer gegenüber dem Staat ein. Natürlich hilft diese Haltung den Evangelikalen, ihre Stellung innerhalb der ‚Öffentlichen Kammer’ und dem ‚Rat am Sitz des russischen Präsidenten’ zu halten.“

Dr. phil. William Yoder

Berlin, den 20. Juni 2016

Газета Протестант.ру   


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